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Die Landschaft der wissenschaftlichen Forschung wird zunehmend von Künstlicher Intelligenz (KI) geprägt. Autonome KI-Systeme wie A-Lab, ChemCrow und Coscientist demonstrieren bereits signifikante Fortschritte in verschiedenen Disziplinen. Jedoch operieren viele dieser fortschrittlichen Systeme oft isoliert. Sie sind an spezifische Arbeitsabläufe gebunden und ihre Interoperabilität über institutionelle Grenzen hinweg ist begrenzt. Dies führt zu Fragmentierung und erschwert eine umfassende, kollaborative Nutzung von Forschungsdaten und -ressourcen.
Um dieser Herausforderung zu begegnen, hat ein Team des Shanghai Artificial Intelligence Laboratory das Science Context Protocol (SCP) entwickelt. Dieses Open-Source-Protokoll zielt darauf ab, ein "globales Netzwerk autonomer wissenschaftlicher Agenten" zu etablieren. Die Kernidee des SCP ist eine gemeinsame Protokollschicht, die es KI-Agenten, Forschenden und Laborgeräten ermöglicht, sicher und nachvollziehbar zusammenzuarbeiten. Es verspricht eine Beschleunigung des wissenschaftlichen Erkenntnisgewinns durch verbesserte Zugänglichkeit und Koordination.
Das Science Context Protocol baut auf dem bereits etablierten Model Context Protocol (MCP) von Anthropic auf, das im November 2024 veröffentlicht wurde. MCP hat sich als Standard für die Verbindung von KI-Modellen mit externen Datenquellen etabliert und erleichtert die Interaktion mit allgemeinen Tools. Für die spezifischen Anforderungen wissenschaftlicher Arbeitsabläufe fehlen MCP jedoch laut den SCP-Entwicklern entscheidende Funktionen. Dazu gehören:
Das SCP erweitert MCP in vier wesentlichen Bereichen, um diesen wissenschaftlichen Anforderungen gerecht zu werden:
Die Entwickler betrachten SCP als "essenzielle Infrastruktur für skalierbare, institutionsübergreifende und agentengetriebene Wissenschaft". Die Spezifikation und eine Referenzimplementierung sind als Open Source auf GitHub verfügbar.
Das SCP basiert auf zwei fundamentalen Säulen:
Das Protokoll definiert eine universelle Spezifikation für die Beschreibung und den Zugriff auf wissenschaftliche Ressourcen. Dies umfasst eine breite Palette von Elementen:
Diese Standardisierung ermöglicht es KI-Agenten, Fähigkeiten plattform- und institutionsübergreifend zu entdecken und zu kombinieren. Dadurch wird die Wiederverwendbarkeit und der Austausch von Ressourcen erheblich vereinfacht.
Eine sichere Architektur mit einem zentralen SCP-Hub und verteilten SCP-Servern verwaltet den gesamten Lebenszyklus eines Experiments. Dieser Prozess umfasst:
Das System nutzt eine feingranulare Authentifizierung und nachvollziehbare Arbeitsabläufe, die sowohl rechnerische als auch physische Laborarbeiten abdecken.
Der SCP-Hub wird von den Forschenden als das "Gehirn" des Systems bezeichnet. Er fungiert als globales Register für alle verfügbaren Tools, Datensätze, Agenten und Instrumente. Wenn ein Forschender oder ein KI-Agent ein Forschungsziel eingibt, analysiert der Hub die Anfrage mithilfe von KI-Modellen und zerlegt sie in spezifische Aufgaben. Das System generiert daraufhin mehrere ausführbare Pläne und präsentiert die vielversprechendsten Optionen. Diese Vorschläge beinhalten Begründungen bezüglich Abhängigkeitsstrukturen, erwarteter Dauer, experimentellem Risiko und Kostenschätzungen. Ausgewählte Arbeitsabläufe werden in einem strukturierten JSON-Format gespeichert, das als Vertrag zwischen allen Beteiligten dient und die Reproduzierbarkeit der Experimente sicherstellt.
Während der Ausführung überwacht der Hub den Fortschritt, validiert Ergebnisse und kann Warnungen ausgeben oder Fallback-Strategien auslösen, wenn Anomalien auftreten. Dies ist besonders relevant für mehrstufige Arbeitsabläufe, die Simulationen mit physikalischen Laborexperimenten kombinieren.
Die Entwickler haben eine "Internal Discovery Platform" auf Basis des SCP aufgebaut, die derzeit über 1.600 interoperable Tools bereitstellt. Die Verteilung dieser Tools über verschiedene wissenschaftliche Disziplinen hinweg zeigt die breite Anwendbarkeit des Protokolls:
Nach Funktionstypen aufgeschlüsselt, dominieren Rechenwerkzeuge mit 39,1 %, gefolgt von Datenbanken mit 33,8 %. Modellservices machen 13,3 % aus, Laboroperationen 7,7 % und Literaturrecherchen 6,1 %. Die Bandbreite der Tools reicht von Proteinstrukturvorhersagen und Molekül-Docking bis hin zu automatisierten Pipettier-Anweisungen für Laborroboter.
Die Forschenden demonstrieren das Potenzial des SCP anhand mehrerer Fallstudien:
Die praktische Umsetzung dieser Szenarien und ihre Effizienz im Alltag bleiben Gegenstand weiterer Untersuchungen.
Das Model Context Protocol (MCP) wurde von Anthropic als offener Standard zur Verbindung von KI-Anwendungen mit externen Systemen etabliert. Es ermöglicht KI-Modellen, auf externe Datenquellen und Tools zuzugreifen. Die Agentic AI Foundation (AAIF), ein Fonds unter der Linux Foundation, wurde mitbegründet von Anthropic, Block und OpenAI, mit Unterstützung von Google, Microsoft, AWS, Cloudflare und Bloomberg, um die Entwicklung von Agentic AI transparent und kollaborativ voranzutreiben. Anthropic hat das MCP an diese Stiftung gespendet, um dessen Offenheit und Community-getriebene Entwicklung zu gewährleisten. Das MCP wurde in vielen Bereichen übernommen, von Entwickler-Tools bis hin zu Fortune-500-Anwendungen, und wird von großen KI-Produkten wie ChatGPT, Gemini und Microsoft Copilot genutzt.
Während MCP eine allgemeine Schnittstelle für die Interaktion von LLM-Anwendungen mit Datenquellen und Tools bietet, wurde SCP speziell für die komplexen Anforderungen wissenschaftlicher Forschung entwickelt. SCP erweitert MCP um spezifische Funktionen wie die strukturierte Darstellung vollständiger wissenschaftlicher Experimentabläufe, Unterstützung für Hochdurchsatzexperimente und die Koordination mehrerer spezialisierter KI-Agenten. Es integriert auch die Anbindung von Laborgeräten über standardisierte Treiber, eine Funktion, die im ursprünglichen MCP nicht in dieser Tiefe vorgesehen war.
Die Zusammenarbeit von KI-Agenten über verschiedene Labore und Institutionen hinweg ist ein zentrales Ziel. Das Konzept von "AgentRxiv", einem Framework für kollaborative autonome Forschung, verdeutlicht die Bedeutung des Austauschs von Forschungsergebnissen zwischen KI-Agenten. Es funktioniert wie ein Preprint-Server, auf dem autonome Agenten Berichte hochladen und abrufen können, um gemeinsam an Forschungszielen zu arbeiten und iterativ auf den Ergebnissen anderer aufzubauen. Studien zeigen, dass Agenten, die Zugang zu früheren Forschungsarbeiten haben, signifikant höhere Leistungsverbesserungen erzielen als isoliert arbeitende Agenten. Dies unterstreicht die Notwendigkeit von Protokollen wie SCP, die den Wissensaustausch und die Synergie zwischen KI-gesteuerten Forschungssystemen fördern.
Die Einführung des Science Context Protocols birgt erhebliche Potenziale für die Beschleunigung und Verbesserung wissenschaftlicher Forschung. Durch die Schaffung einer einheitlichen Kommunikationsschicht und einer zentralen Orchestrierungsplattform können Forschungsprozesse effizienter gestaltet und die Zusammenarbeit über institutionelle Grenzen hinweg erleichtert werden. Die Fähigkeit, komplexe Experimente zu planen, durchzuführen, zu überwachen und zu archivieren, trägt zur Standardisierung und Reproduzierbarkeit von Forschungsergebnissen bei.
Dennoch gibt es auch Herausforderungen und Limitationen, die es zu beachten gilt:
Die kontinuierliche Weiterentwicklung des SCP und ähnlicher Protokolle wird sich darauf konzentrieren müssen, diese Herausforderungen zu meistern und die Zuverlässigkeit, Effizienz und ethische Vertretbarkeit von KI-gesteuerter Forschung zu maximieren.
Das Science Context Protocol (SCP) stellt einen bedeutenden Schritt in Richtung einer kollaborativen und effizienteren wissenschaftlichen Forschung dar, die von KI-Agenten unterstützt wird. Durch die Erweiterung des etablierten Model Context Protocols (MCP) um wissenschaftsspezifische Funktionen adressiert es die Fragmentierung aktueller KI-Forschungssysteme und fördert die institutionsübergreifende Zusammenarbeit. Die zentrale Orchestrierung des Experimentlebenszyklus, die Standardisierung von Ressourcen und die Integration einer Vielzahl von Tools bieten ein großes Potenzial, den Erkenntnisgewinn zu beschleunigen und die Reproduzierbarkeit zu verbessern.
Obwohl das SCP vielversprechende Anwendungsszenarien aufzeigt – von der automatisierten Protokollextraktion bis zum KI-gesteuerten Wirkstoff-Screening – bleiben wichtige Herausforderungen bestehen. Die Notwendigkeit menschlicher Aufsicht zur Vermeidung von Halluzinationen und Voreingenommenheiten, die Sicherstellung des Neuheitsgrades von Entdeckungen und die Optimierung der Recheneffizienz sind zentrale Punkte für die weitere Entwicklung. Ethische Fragen bezüglich Urheberschaft und Verantwortlichkeit in der KI-gesteuerten Forschung erfordern ebenfalls kontinuierliche Beachtung.
Insgesamt ist das SCP ein vielversprechendes Framework, das die Integration autonomer Systeme in wissenschaftliche Arbeitsabläufe vorantreibt. Die fortlaufende methodische Verfeinerung und die Berücksichtigung ethischer Implikationen werden entscheidend sein, um das volle Potenzial dieser Technologie verantwortungsvoll zu nutzen und die Integrität der wissenschaftlichen Forschung in einem zunehmend KI-gesteuerten Umfeld zu wahren.
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